Lorenz Friedrich Hutschenreuther (1817–1886) gründete 1857 die erste Porzellanfabrik in Selb. Er brachte Erfahrung aus dem Hohenberger Familienunternehmen mit und baute einen eigenständigen Betrieb auf. Seine Geschichte verbindet die Herkunft aus einer Porzellinerfamilie mit dem wirtschaftlichen Neubeginn Selbs nach dem Stadtbrand von 1856. (L02; L09, S. 230)

B03 Lorenz Hutschenreuther. Bildnachweis und Herkunft.
Er wurde am 8. Mai 1817 in Hohenberg an der Eger geboren und starb am 8. Oktober 1886 in Würzburg. Sein Vater war Carl Magnus Hutschenreuther, der seit 1814 in Hohenberg tätig war. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt Lorenz' Ausbildung im väterlichen Betrieb. Nach dem Tod des Vaters 1845 führte er das Unternehmen gemeinsam mit seiner Mutter Johanna und seinem Bruder Christian weiter. (L02)
Die ältere Unternehmensgeschichte berichtet von dem Fabrikbrand 1848 und dem anschließenden Wiederaufbau. Lorenz kannte somit nicht nur die Herstellung, sondern auch die Schwierigkeiten des Neuaufbaus einer Fabrik. Später schied er aus dem Familienbetrieb aus und ging nach Selb. Die Chronik nennt dafür 1856; die Gründung des Selber Unternehmens wird in den übrigen hier verwendeten Quellen auf 1857 datiert. (L21, 175-Jahre-LHS041.pdf, PDF-S. 2; L09, S. 230)
Der große Brand vom 18. März 1856 vernichtete auch Erwerbsmöglichkeiten in einer Stadt, deren Bevölkerung unter anderem von der Hausweberei lebte. Die Festschrift von 1957 zeigt diese Lebensverhältnisse und verweist auf die zerstörten Webstühle. Der Wiederaufbau betraf daher nicht allein Häuser und Straßen, sondern die wirtschaftliche Zukunft vieler Familien. Die Ansiedlung der Porzellanfabrik eröffnete einen neuen Arbeitsbereich. (L15, PDF-S. 13; L16, PDF-S. 1–2)
Die Ludwigsmühle bot Wasserkraft und ein Gelände für die Fabrik. Hermann Bohrer nennt Rohstoffe, Brennholz und Fachkräfte aus Hohenberg als weitere Voraussetzungen. Der Aufbau verband vorhandene örtliche Möglichkeiten mit Wissen und Erfahrung, die aus anderen Porzellanorten kamen. Die Gründung war damit ein konkretes industrielles Vorhaben mit Standortbedingungen und Finanzierungsbedarf. (L09, S. 230)
Die Festschrift schildert die ersten Jahre anhand von Briefauszügen: Rohstoffe, Holz und Torf mussten beschafft, Zahlungen eingezogen und Maschinen bestellt werden. Die Entfernung zur nächsten Bahnstation erschwerte Transporte. Gerade diese praktischen Probleme machen verständlich, weshalb ein Gründungsjahr nicht automatisch den Beginn einer regelmäßigen Produktion bezeichnet. (L15, PDF-S. 14 und 16)
In den wiedergegebenen Schreiben beanstandete Lorenz mangelhafte Maschinen und unzureichende Rohstoffqualität. Es ging nicht allein darum, Porzellan überhaupt zu brennen, sondern ein verkäufliches, verlässlich weißes Erzeugnis herzustellen. Facharbeiter aus Thüringen, Böhmen und Schlesien wurden eingestellt und lernten örtliche Arbeitskräfte an. Das technische Wissen wanderte mit den Menschen nach Selb. (L15, PDF-S. 16, gedruckte S. 15)
Am 12. Juni 1859 versandte Lorenz laut den in der Festschrift wiedergegebenen Briefen gelungene Muster an Geschäftsfreunde in Köln und Frankfurt an der Oder. Die beiden Mustertassen markieren in dieser Darstellung den Erfolg nach den Schwierigkeiten des Aufbaus. Bohrer nennt ebenfalls das Frühjahr 1859 als Arbeitsbeginn. Die Neue Deutsche Biographie setzt den Produktionsbeginn dagegen auf 1858. Die Unterschiede bleiben im Quellenvergleich zu den Datierungen sichtbar. (L15, S. 15; L09, S. 230; L02)
1860 stellte das Unternehmen Weißporzellan auf der Leipziger Messe aus. Nach der Festschrift stieg die Nachfrage, während zunächst nur ein Brennofen zur Verfügung stand. 1864 kamen weitere Öfen hinzu, und der Dekorbetrieb wurde vergrößert. Der Weg führte somit von der Beherrschung der Herstellung zum Ausbau von Kapazität, Kundschaft und Veredelung. (L15, PDF-S. 17, gedruckte S. 16; L09, S. 230)
Für die 1880er Jahre nennt die Festschrift die Herstellung feiner dekorierter Tafelgeschirre. Ein Service nach einem Entwurf von Professor Leopold Gmelin erhielt 1882 in Nürnberg eine Goldmedaille. Dieses Beispiel zeigt, dass Gestaltung und Dekoration bereits während Lorenz' Lebenszeit zur Entwicklung des Unternehmens gehörten. Die später eingerichtete Kunstabteilung ist davon zeitlich zu unterscheiden. (L15, PDF-S. 17, gedruckte S. 16)
Lorenz wirkte auch außerhalb seines Unternehmens. Das Haus der Bayerischen Geschichte verzeichnet ihn von 1869 bis 1871 als Mitglied der Bayerischen Abgeordnetenkammer für die Fortschrittspartei. Die Fabrikgründung und diese parlamentarische Tätigkeit sind verschiedene Seiten seiner Biographie. Ohne zusätzliche parlamentarische Quellen werden hier keine konkreten Gesetzesinitiativen oder politischen Positionen ergänzt. Haus der Bayerischen Geschichte.
Nach seinem Tod 1886 übernahmen seine Söhne Viktor und Eugen die Leitung. Erst 1902 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Der Erwerb der Fabrik Jäger, Werner & Co. als Werk B folgte 1906; weitere Übernahmen gehören ebenfalls in die Geschichte seiner Nachfolger. Lorenz war der Gründer des Selber Betriebs, nicht der persönliche Urheber aller späteren Erweiterungen. (L15, PDF-S. 17, gedruckte S. 16)
Seine Bedeutung liegt im Aufbau eines Unternehmens, das Selbs Entwicklung zur Porzellanstadt maßgeblich beeinflusste. Die Festschrift erzählt diesen Aufstieg aus Sicht des Unternehmens, Bohrer aus der Stadtgeschichte. Gemeinsam machen die Quellen sowohl die Initiative des Gründers als auch die Arbeit der Fachkräfte, Zulieferer und nachfolgenden Generationen sichtbar.
Carl Magnus Hutschenreuther · Gründung und Stadtentwicklung · Zeitleiste · Quellen