Am 18. März 1856 verwüstete der große Brand Selb. Beim Wiederaufbau mussten auch neue Erwerbsmöglichkeiten entstehen. Die Porzellanindustrie wurde zu einem wichtigen Teil dieses Wandels. 1857 gründete Lorenz Hutschenreuther seinen Betrieb in Selb. Ludwig Schmidt beschreibt den Wiederaufbau zugleich als Verlust des älteren Stadtbildes. (W01; L16, PDF-S. 1–2)
Lorenz hatte Erfahrung aus dem Familienunternehmen in Hohenberg an der Eger. Dort begann sein Vater Carl Magnus Hutschenreuther 1814 die Unternehmensgeschichte; die Genehmigung zur eigenen Porzellanherstellung folgte 1822. Vater und Sohn stehen damit für zwei zunächst selbstständige Unternehmen. (L01, PDF-S. 13–16; L02)

B02 Porträt von Carl Magnus Hutschenreuther, 1794 bis 1845. Die Identifikation folgt der vollständigen Quellseite. (L07, PDF-S. 2)

B03 Porträt von Lorenz Hutschenreuther, 1817 bis 1886, dem Gründer des Selber Unternehmens. (L08, PDF-S. 1; L02)
Die Ludwigsmühle bot Wasserkraft. Hermann Bohrer nennt außerdem verfügbare Rohstoffe, erfahrene Porzelliner aus Hohenberg und Holz als Brennmaterial. Der Standort verband diese Voraussetzungen mit dem Bedarf an Arbeit in der vom Brand getroffenen Stadt. (L09, S. 230)
Gründung, Fabrikaufbau und Produktionsbeginn fallen in den Quellen auf unterschiedliche Jahre. Bohrer nennt den Aufbau 1858 und den Arbeitsbeginn im Frühjahr 1859. Die Festschrift von 1957 berichtet von gelungenen Proben, die am 12. Juni 1859 versandt wurden. Ellen Mey nennt ebenfalls Frühjahr 1859; die Neue Deutsche Biographie setzt den Produktionsbeginn dagegen bereits 1858 an. (L09, S. 208 und 230; L15, S. 15; W07, S. 100; L02)
1860 präsentierte sich das Unternehmen auf der Leipziger Messe. Aus dem neuen Betrieb entwickelte sich ein prägender Teil der Selber Wirtschaft. (L09, S. 230; W02)
Carl Magnus und Lorenz Hutschenreuther stehen für aufeinanderfolgende Generationen. Carl Magnus begann in Hohenberg mit dem Dekorieren zugekaufter Weißware und erhielt 1822 die Genehmigung zur eigenen Herstellung. Lorenz kannte diesen Betrieb aus eigener Arbeit und Führung, entschied sich aber für eine selbstständige Gründung in Selb. Die spätere gemeinsame Unternehmensgeschichte darf ihre unterschiedlichen Lebenswege und die frühe Eigenständigkeit der Firmen nicht verdecken. Ausführliches Porträt Carl Magnus · Ausführliches Porträt Lorenz.
Die Festschrift von 1957 schildert den Fabrikaufbau als eine Folge praktischer Schwierigkeiten. Holz und Torf für die Brennöfen mussten in großen Mengen beschafft werden. Die nächste Bahnstation war weit entfernt; Maschinen und aufbereitete Rohstoffe erfüllten anfangs nicht immer die Erwartungen. Briefauszüge über Beanstandungen und Nachbesserungen zeigen, wie viel Arbeit zwischen Planung und gelungenem Porzellan lag. (L15, PDF-S. 14 und 16)
Fachkräfte aus Thüringen, Böhmen und Schlesien brachten Erfahrung mit und lernten die örtliche Bevölkerung an. Damit lässt sich die Entstehung der Selber Porzellanindustrie auch als Geschichte der Weitergabe von Wissen lesen. Zur Initiative des Gründers kamen die Fähigkeiten der Beschäftigten und die Zusammenarbeit mit Lieferanten und Kunden. Die ersten gelungenen Muster von Juni 1859 stehen in der Festschrift für den Abschluss dieser schwierigen Anfangsphase. (L15, PDF-S. 16, gedruckte S. 15)
Mit der Messepräsentation 1860 und dem Ausbau der Brennöfen und des Dekorbetriebs 1864 wuchs das Unternehmen über den Anfang an der Ludwigsmühle hinaus. Für Selb bedeutete das neue Arbeitsplätze und eine Veränderung der wirtschaftlichen Ausrichtung. Die Entwicklung zur Porzellanstadt entstand über Jahrzehnte und wurde später von weiteren Unternehmen und vielen Beschäftigten getragen. Lorenz' Gründung war ein entscheidender Anfang dieser Entwicklung. (L15, PDF-S. 17, gedruckte S. 16; L09, S. 230)
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